Friedrich von Bodelschwingh d. Ä.

Friedrich von Bodelschwingh wurde am 6. März 1831 als sechstes Kind Ernst von Bodelschwinghs, damals Landrat des Kreises Tecklenburg, und seiner Frau Charlotte in Haus Marck bei Tecklenburg geboren. Der Vater, ein äußerst fähiger Verwaltungsjurist, machte eine steile Karriere, 1834 wurde er, noch keine vierzig Jahre alt, als Oberpräsident der Rheinprovinz nach Koblenz, 1842 als preußischer Finanzminister nach Berlin berufen. In den letzten Jahren des Vormärz war Ernst von Bodelschwingh der höchste Beamte des preußischen Staates.

Der junge Friedrich ging in Berlin auf das Gymnasium, wo er sich anfangs schwer tat. Er war kein Stubenhocker, liebte das Baden, Rudern und Wandern, auch das Reiten und Fechten, das zu erlernen zur standesgemäßen Erziehung des Sohnes eines preußischen Ministers gehörte. Er wurde Spielgefährte des Kronprinzen Friedrich Wilhelm. In dieser Zeit liegen die Wurzeln für das zeitlebens herzliche Verhältnis zwischen Bodelschwingh und dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III. und auch für Bodelschwinghs unverbrüchliche Loyalität zum Hohenzollernhaus. Vor diesem Hintergrund erklärt sich aber auch das unbefangene Selbstbewusstsein, mit dem sich der spätere Pastor von Bodelschwingh selbst in höchsten Kreisen bewegte.

Friedrich lernte aber auch das andere Berlin kennen. An der Seite eines jungen Hauslehrers, der im Auftrag eines Wohltätigkeitsvereins die Berliner Slums aufsuchte, bekam der junge Bodelschwingh „tiefe Eindrücke von Hunger, Blöße und Elend der Armen, ganz besonders aber auch von dem unbillig großen Abstand zwischen arm und reich“. Im Elternhaus, das eine erweckliche Frömmigkeit pflegte, traf Friedrich mit den Gründervätern der evangelischen Diakonie zusammen. Am Ende seiner Jugendzeit stand das Fanal der Revolution von 1848, die der Siebzehnjährige in ihrem Brennpunkt Berlin aus nächster Nähe miterlebte. Für die Familie waren die dramatischen Geschehnisse von einschneidender Bedeutung, führten sie doch zum Sturz des Vaters. Während die Eltern nach Velmede, dem Stammsitz der Familie Bodelschwingh, übersiedelten, wurden die Söhne in das Gymnasium zu Dortmund gegeben. Nach dem Abitur im Jahre 1849 erlernte Friedrich den Beruf des Landwirts. In Gramenz/Hinterpommern, wo er nach abgeschlossener Ausbildung ein Gut verwaltete, nahm er sich der verelendeten Pächter und Landarbeiter an. Hier fiel die Entscheidung für das Theologiestudium, das er von 1854 bis 1857 in Basel, Erlangen und Berlin absolvierte.

Seinen ursprünglichen Plan, als Missionar nach Indien zu gehen, gab Bodelschwingh auf. Stattdessen trat er 1858 das Amt eines Predigers der Evangelischen Gemeinde Augsburger Konfession in Paris an. Hier kümmerte er sich um die deutschen „Gastarbeiter“, die zu den Ärmsten der Armen in den Slums der französischen Hauptstadt gehörten, und gründete auf einem kleinen Hügel in der Banlieue Belleville seine erste christliche Kolonie. In die Pariser Zeit fiel auch die Heirat mit seiner Cousine Ida.

1864 wechselte Bodelschwingh als Gemeindepfarrer nach Dellwig bei Unna. Am preußisch-österreichischen Krieg 1866 und am deutsch-französischen Krieg 1870 nahm er als Feldprediger teil. Seit dem Tod seiner vier Kinder im Januar 1869 – wichtigste Quelle der eigentümlichen Sterbefrömmigkeit Bodelschwinghs – war Dellwig für das junge Ehepaar ein Ort voller schmerzlicher Erinnerungen geworden. Deshalb folgte er 1872 einem Ruf aus Bielefeld und übernahm die Leitung der 1867 gegründeten „Evangelischen Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische Rheinlands und Westfalens“ und des 1869 ins Leben gerufenen Bielefelder Diakonissenhauses. Seine Berufung bedeutete einen Wendepunkt in der Entwicklung beider Einrichtungen. Das neue, 1873 fertig gestellte Pflegehaus für „Epileptiker“, das auf Bodelschwinghs Anregung hin den Namen „Bethel“ erhielt, der später auf die ganze Ortschaft überging, sollte ursprünglich nicht mehr als 150 Kranke aufnehmen. Bei Bodelschwinghs Tod am 2. April 1910 war daraus eine Kleinstadt von über 4.000 Einwohnern mit dem Status einer selbständigen Kirchen- und Ortsgemeinde entstanden. In mehreren Dutzend Pflege- und Krankenanstalten für epilepsiekranke, geistig behinderte und psychisch kranke Menschen wurden über 2.000 „Pfleglinge“ betreut. Etwa 1.250 Diakonissen und 450 Diakone der Diakonissenanstalt Sarepta und der Diakonenanstalt Nazareth taten in Bethel – und weit darüber hinaus – Dienst. Die Anstaltsortschaft verfügte über Ausbildungsstätten für angehende Pastoren und war Sitz der Evangelischen Missionsgesellschaft für Deutsch-Ostafrika. Hinzu kamen die Zweiganstalten Eckardtsheim in der Senne und Freistatt im Diepholzer Moor, außerdem die Kolonien Hoffnungstal, Lobetal und Gnadental vor den Toren Berlins. 1882 hatte Bodelschwingh in der Senne die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf gegründet, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Mit der Wandererfürsorge und dem Arbeiterwohnungsbau waren neue Arbeitsfelder eröffnet worden. 1903 ließ sich Bodelschwingh auf der Wahlliste der Christlich-Konservativen als parteiloser Abgeordneter in den preußischen Landtag wählen, um eine gesetzliche Regelung der Wandererfürsorge herbeizuführen.

Bodelschwingh war eine charismatische Persönlichkeit, ein warmherziger Seelsorger und beeindruckender Prediger, ein gewandter Publizist und einfühlsamer Pädagoge, ein brillanter Manager mit ausgeprägtem Sinn für Spendenwerbung und Öffentlichkeitsarbeit. Er war von einer geradezu bezwingenden Empathie, die es seinem Gegenüber schwer machte, sich seinem Einfluss zu entziehen. Hinter seiner heiteren und milden Frömmigkeit verbarg sich ein starker Wille. Er war dynamisch, energisch, fordernd, risikobereit, kreativ, mit wachem Gespür für unkonventionelle Lösungen. Zu den Ecken und Kanten seines Charakters gehörten die geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, das es ihm schwer machte, andere Meinungen gelten zu lassen, sein mild patriarchalischer, aber dennoch autoritärer Führungsstil, die Sprunghaftigkeit seiner Entscheidungen, die Rücksichtslosigkeit, mit der er Menschen, die seinem Charisma erlagen, für seine Zwecke einspannte.
Friedrich von Bodelschwingh gehört nicht zu den Gründervätern der evangelischen Diakonie, aber wie kein anderer hat er ihr seinen Stempel aufgeprägt. Dem Projekt der Moderne begegnete er mit tiefer Skepsis, bediente sich jedoch in dem Bemühen, die zerstörerischen Folgen des Fortschritts einzudämmen, moderner Mittel und Möglichkeiten und wurde so zu einem Wegbereiter einer Moderne mit menschlichem Antlitz. Das Geheimnis Bodelschwinghs war, dass er nicht wegschauen konnte. Buchstäblich bis in seine letzten Lebenstage hinein hat er sich von der Begegnung mit menschlichem Elend existentiell anrühren lassen. Mit leidenden Menschen konfrontiert, konnte er, eingebunden in seine Welt erweckter Frömmigkeit, nicht anders, als sofort mit äußerster Entschlossenheit und Leidenschaft zu handeln. Weil er selber tief bewegt war, bewegte er andere.

„Vater Bodelschwingh“ war schon zu Lebzeiten ein Mythos geworden. Der Mensch Bodelschwingh mit seinen skurrilen Eigenarten, der in seiner knapp bemessenen Freizeit phantastische Luftschiffe konstruierte, trat hinter dem Werk zurück. Pläne, ihm in Bethel ein Denkmal zu setzen, verschwanden bald wieder in der Schublade. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel selber sind das bleibende Zeugnis seines Lebenswerks.

Revolution und Soziale Frage

Friedrich von Bodelschwingh hatte ein waches Gespür für die Soziale Frage, die er im Kern als moralische Frage auffasste. 1869 schrieb er im „Westfälischen Hausfreund“, einem Sonntagsblatt, das er selbst herausgab, über die „Arbeiterfrage“:

„Ist es nicht eben das Geld, der nackte Mammon – mit den irdischen Lüsten und Freuden, die er gewährt, welches durch die Industrie, den angebeteten Götzen unseres Jahrhunderts, auf den Thron gesetzt ist? Trachtet am ersten nach Geld, nach recht viel Geld […]. So predigen die liberalen aufgeklärten Sozialpolitiker des 19. Jahrhunderts. Die Industrie bedarf zu ihrer Blüte des Luxus, des raffinierten Wohllebens, je mehr in Eitelkeit konsumiert wird, desto höher der Wert des Kapitals, das um so schneller umrollt und sich vervielfältigt. Das sieht der Mann mit den schwieligen Händen, oder mit dem blassen Gesicht, der als ein fast willenloses Stück an irgend eine Maschine gehängt ist, und der in dieser Zeit, wo alle patriarchalischen, persönlichen Bande zerreißen, zu einer Ware auf dem Sklavenmarkt der freien Konkurrenz heruntergesunken ist. Was Wunder, wenn ein solcher sich selbst ums Geld meistbietender und verkaufender Mensch selbst zum Mammonsknecht wird! Was Wunder, wenn er denkt, dass wenn es einmal nur ums Geld, ums Genießen, ums Diesseits sich handelt, dass er auch seinen Teil daran haben will, und wenn es nicht anders geht, mit Gewalt.“

Der Kern der Arbeit

Am 19. Juli 1883 wandte sich Friedrich von Bodelschwingh in einem tief bewegten und tief bewegenden Brief an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Bodelschwingh war zu Ohren gekommen, dass im Umfeld des Throns Kritik an dem religiösen Milieu Bethels laut geworden war. Es war ihm ein Herzensanliegen, dem Kronprinzen, seinem Jugendfreund, den innersten Kern seines Lebenswerkes zu verdeutlichen:

„Dienende Liebe üben, selbstlose, unverfälschte, weitherzige gegen jedermann, besonders aber gegen alle Mitmenschen, die durch Mangel an Liebe verbittert, gesunken, verkommen, verarmt oder die sonst krank und elend sind. Dies alles aber nicht, um irgendwelchen verborgenen, selbstsüchtigen Zweck zu erreichen oder einer äußeren Kirche Glanz und Ruhm zu verschaffen, sondern lediglich, um aus gottlosen, unglücklichen, verbitterten Menschen gottesfürchtige, glückliche, fröhliche, dankbare Menschen zu machen zur Ehre Gottes und zum Besten des Vaterlandes.“

Friedrich von Bodelschwingh in jungen Jahren
Friedrich von Bodelschwingh in jungen Jahren

Friedrich von Bodelschwingh in Paris mit zwei „Gassenkehrerkindern“
Friedrich von Bodelschwingh in Paris mit zwei „Gassenkehrerkindern“

Friedrich von Bodelschwingh, etwa 1870er Jahre
Friedrich von Bodelschwingh, etwa 1870er Jahre

Friedrich von Bodelschwingh mit Sareptadiakonissen
Friedrich von Bodelschwingh mit Sareptadiakonissen

Friedrich von Bodelschwingh mit Kaiserin Auguste Viktoria
Friedrich von Bodelschwingh mit Kaiserin Auguste Viktoria

Friedrich von Bodelschwingh mit Urlaubern auf Amrum
Friedrich von Bodelschwingh mit Urlaubern auf Amrum

Friedrich von Bodelschwingh in seinem Arbeitszimmer
Friedrich von Bodelschwingh in seinem Arbeitszimmer

Friedrich von Bodelschwingh in den Pariser Jahren
Friedrich von Bodelschwingh in den Pariser Jahren

Friedrich von Bodelschwingh im Alter
Friedrich von Bodelschwingh im Alter