Wilhelm von Bodelschwingh

Der Familienüberlieferung zufolge hatte ein Freund Friedrich von Bodelschwinghs nach dem Tod der ersten vier Kinder die Eltern mit dem Hinweis getröstet, Gott könne ihnen die Kinder, die er genommen hatte, auch wieder geben. Die Geburt von Wilhelm, Gustav, Frieda und Friedrich – wieder drei Jungen und ein Mädchen – galt in der Familie als Erfüllung dieser Verheißung. Große Erwartungen richteten sich daher an die nachgeborenen Geschwister, eine Bürde, an der sie alle – jedes auf seine Weise – zu tragen hatten.

Für Friedrich von Bodelschwingh mag es eine leise Enttäuschung gewesen sein, dass Wilhelm, der Erstgeborene der zweiten Geschwisterreihe, am 27. September 1869, acht Monate nach dem Tod der älteren Geschwister, mit einem „schlimmen Leibesschaden auf die Welt“ kam, „der den edelsten Teil der menschlichen Gestalt, das Antlitz, entstellte.“ Er hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte. Bei einer Operation wenige Wochen nach seiner Geburt wäre das ohnehin schwächliche Kind beinahe verblutet. Ein weiterer chirurgischer Eingriff folgte, die Sprache blieb jedoch undeutlich. Wilhelm erhielt Unterricht bei einem Taubstummenlehrer. „Der Kampf mit der Unverständlichkeit brach an. Es war ein harter, ein langer Kampf.“ Ein früherer Lehrer erinnerte sich später: „Auf Wunsch des seligen Vaters nahm er auch an den Exerzier- und Turnübungen teil und nicht selten war der Vater dabei, lobte ihn wegen seines straffen Haltens und meinte, er würde einmal ein tüchtiger Soldat seines Kaisers werden.“ Sein Bruder Gustav schrieb über ihn, „der Kampf gegen den Sprachfehler“ habe ihn gelehrt, „nicht nur den unbeholfenen Mund, sondern den ganzen Leib in Zucht zu nehmen.“

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Bielefeld und Gütersloh nahm Wilhelm von Bodelschwingh – trotz mancher Bedenken der Familie – das Studium der Theologie auf. Er besuchte die Universitäten Basel, Halle-Wittenberg und Greifswald und das Domkandidatenstift zu Berlin. Die Ordination fand 1895 in der Betheler Zionskirche statt. Seine Predigt handelte von der Heilung des Taubstummen. „Mit ganz wenigen Worten deutete er auf die Führungen seines Lebens hin, aber jeder der Hörer verstand es, wie das ‚Hephata‘ [„Tue Dich auf“] auch in ihm sich erfüllt hatte.“ Mit äußerster Selbstdisziplin hatte Wilhelm gelernt, klar und deutlich von der Kanzel herab zu sprechen

Unmittelbar darauf wurde er vom Vater zum Dienst in der deutschen Seemannsmission in Edinburgh abgeordnet, nach nur knapp einem Jahr jedoch nach Bethel zurückgerufen, um den Vater bei der Leitung des Diakonissenhauses Sarepta zu unterstützen. Gerne folgte Wilhelm dem Ruf nicht, er sei, schrieb er später, durch Leitungsprobleme in das Amt „hineingenötigt“ worden. Sein Bruder Gustav beschreibt Wilhelms und wohl auch seine eigene Situation mit den Worten: „Die Last, der Sohn eines großen Vaters zu sein, hätte er am liebsten drüben im fernen Edinburgh oder im kleinsten Dörfchen der Heimat oder im fernsten Winkel des afrikanischen Urwaldes getragen. Weil er so gering von sich dachte, darum erwachte auch später immer wieder der Wunsch in ihm, einen andern an seiner Stelle zu sehen.“ Privat begann hingegen eine glückliche Zeit. 1897 heiratete er Luise Freiin von Ledebur. Das Ehepaar hatte vier Kinder. Es traf die Eltern schwer, dass die Tochter Elisabeth 1911 im Alter von zwölf Jahren starb.

Treu hatte Wilhelm von Bodelschwingh auf dem ungeliebten Posten ausgeharrt, bis 1905 als zweiter Pastor Sareptas, dann in der Nachfolge seines Vaters als Vorsteher. Aber erst seit 1909, als die Kräfte des Vaters zu schwinden begannen, konnte er selbständiger handeln, um gleich darauf in einen zwei Jahre dauernden schweren Konflikt mit dem zweiten Pastor Gottfried Gleis und der Vorsteherin Marie Heuser zu geraten. Wilhelm von Bodelschwingh setzte sich zwar in diesem Machtkampf durch, musste aber seine Pläne zur Verkleinerung des Mutterhauses aufgeben. Tatsächlich wuchs die Diakonissenschaft unter seiner Leitung von 780 auf 1.550 Schwestern an. Ideen zur Gründung einer Hilfsschwesternschaft konnte er nicht mehr verwirklichen, da er am 17. März 1921 völlig überraschend an einer Lungenentzündung verstarb.

Ein neues Testament

1911 setzte Wilhelm von Bodelschwingh, tief erschüttert durch den Tod seiner Tochter Elisabeth und zermürbt von den inneren Konflikten des Mutterhauses Sarepta, ein neues Testament auf, das viel über seinen bescheidenen und selbstkritischen Charakter wie auch über seine erweckliche Sterbefrömmigkeit aussagt:

„Ich hätte nicht mit dem Frieden unserer Elisabeth sterben können. Zu viel ist versäumt, seitdem Gott mich zu neuem Leben erweckt hat, zu viel verfehlt und verdorben, sonderlich in den letzten zwei Jahren, wo das Zusammenarbeiten mit den nächsten Mitarbeitern so schwer war, vielleicht am meisten durch meine Schuld, durch Mangel an Weisheit und Liebe, Festigkeit und Gradheit. Es ist mir schwer, dass ich dem Heiland so außerordentlich viel Schande gemacht habe. Jedes lieblose Wort, jede kalte Handlung beklage ich aufs tiefste. Ich verstehe, dass er mir durch das schmerzhafte Leiden und das eilige Sterben des Kindes einen Denkzettel hat aufbrennen wollen, und mir das harte Herz zerschmelzen. Noch tut sich eine neue Gnadenzeit auf, und sie will benutzt sein.

Drückend ist mir, dass wir in so sehr guten Verhältnissen leben und über Gebühr und Verdienst bezahlt werden. Das erste muss sein, dass ich den Zuschuss von 1500 Mark vom 1. Januar an ablehne, in geziemender Form. Sodann muss auf größte Sparsamkeit in meinen persönlichen Einkäufen gehalten und der Haushalt so geführt werden, dass sich die Menschen wohl fühlen. Ernstlich ist zu überlegen, ob der Zeitpunkt gekommen ist, in eine Gemeinde zu gehen. Der tiefe Schmerz, dass ich Elisabeth nicht gewesen bin, was ich hätte sein müssen, wird bleiben, und soll helfen, dass mich die Kinder nicht vor Gottes Thron verklagen. Vielleicht ist es leichter, wenn ich ein einfacheres Amt habe.“

Barmherzigkeit als „handwerksmäßiger Betrieb“?

In einem Nachruf heißt es über Wilhelm von Bodelschwingh: „Er war kein Schwärmer, er war eher eine kritische Natur. Er prüfte die Geister. Er sah die Mängel auch bei denen, die ihm nahe standen; aber auch bei sich selbst. Er hatte den Mut, in unhaltbare Verhältnisse einzugreifen“. Diese Sätze spielen auf den Konflikt zwischen Wilhelm von Bodelschwingh und dem zweiten Pastor Sareptas, Gottfried Gleis, an. Hier ging es um Strukturprobleme einer immer größer werdenden Diakonissenschaft. Gleis setzte bei der Umstrukturierung auf bauliche Erweiterungen, eine verbesserte berufliche Bildung der Schwestern und kollektive Leitungsstrukturen. Wilhelm von Bodelschwingh hielt dagegen an der unumschränkten Leitungskompetenz des Vorstehers fest, der durch die „individuelle Seelenführung“ der Schwestern den diakonischen Geist des Mutterhauses bewahren und fortentwickeln sollte. Um dieses Konzept angesichts einer stetig wachsenden Schwesternschar durchhalten zu können, erwog Bodelschwingh Pläne zur Abtrennung Sareptas von den Betheler Anstalten und zur Verkleinerung des Mutterhauses durch Filialgründungen oder Teilung. Vor dem reglementierenden Einfluss des entstehenden Sozialstaates warnte er mit den Worten: „Die Barmherzigkeit wird zum handwerksmäßigen Betrieb, Fertigkeit macht sicher, und Sicherheit führt zur Hoffart, Hoffart aber kann nicht mehr wohl tun, Hoffart kann ja nicht mehr an den barmherzigen Heiland glauben. So stirbt die warme und zarte Liebe, und der Lazarus bleibt unversorgt liegen.“ Er sah tiefgreifende Umwälzungen auf die Innere Mission zukommen: „Der Dienst am Leibe unseres Volkes wird uns vielleicht mehr abgenommen werden. Dafür tritt der Dienst an den Seelen in den Vordergrund.“

Wilhelm von Bodelschwingh in jungen Jahren
Wilhelm von Bodelschwingh in jungen Jahren

Wilhelm von Bodelschwingh in jungen Jahren
Wilhelm von Bodelschwingh in jungen Jahren

Wilhelm von Bodelschwingh und seine Familie mit dem Vater
Wilhelm von Bodelschwingh und seine Familie mit dem Vater

Die verstorbene Tochter Elisabeth
Die verstorbene Tochter Elisabeth

Wilhelm von Bodelschwingh
Wilhelm von Bodelschwingh