Gustav von Bodelschwingh

Die Tragik der drei Brüder Wilhelm, Gustav und Fritz von Bodelschwingh bestand darin, dass sie von ihrem Vater im Zuge seiner vielfältigen Unternehmungen „wie Schachfiguren hin- und hergeschoben“ wurden und nicht anders konnten, als sich dem Willen des übermächtigen Vaters „im Glaubensgehorsam“ zu fügen. Vor allem der Lebensweg des mittleren Sohnes Gustav wurde immer wieder durch die sprunghaften Entscheidungen des Vaters in neue Richtungen gelenkt, setzte der Vater doch große Hoffnungen in ihn, da Wilhelm, der Älteste, durch sein körperliches Gebrechen beeinträchtigt war und Fritz, der Jüngste, lange Zeit als der „Kleine“ galt.

1892 machte Gustav von Bodelschwingh, geboren am 3. November 1872, nach mehreren krankheitsbedingten Unterbrechungen am Gymnasium in Gütersloh sein Abitur. Er studierte Theologie in Greifswald und Berlin, dann schickte ihn ein Machtwort des Vaters nach Basel, wo er mit der Brüdergemeinschaft St. Crischona und dem Basler Missionshaus in Kontakt kam. Aus dem Plan, nach einem abschließenden Studienjahr in Berlin das erste theologische Examen abzulegen, wurde zunächst nichts, weil der Vater ihn veranlasste, Eva von Tiele-Winckler, die Gründerin des Hauses „Friedenshort“ und seiner Schwesternschaft in Miechowitz/Oberschlesien, die 1895 zur neuen Oberin von Sarepta bestimmt wurde, auf eine Erholungsreise nach Palästina zu begleiten. Kurz darauf schickte ihn der Vater zur ersten internationalen Missionskonferenz nach Liverpool – dort reifte Gustavs Entschluss heran, Missionar zu werden.

Im Herbst 1896 konnte er endlich das erste theologische Examen ablegen, in den kirchlichen Dienst durfte er jedoch nicht eintreten, weil der Vater ihn zum „Dienst in der blauen Schürze“ in der Diakonenausbildung bestimmte, um seinem „wissenschaftlichen Hochgefühl, das sich im Anschluss an das Examen regen wollte, einen Dämpfer zu geben“. Im Frühjahr 1897 kehrte Gustav aus den Städtischen Krankenanstalten in Bremen als „Halbinvalide“ zurück, nachdem bei ihm Muskelschwund festgestellt worden war, der zu einer Nervenlähmung im Bein führte. Er ging auf Erholungsreise nach Montreux, als Hauslehrer nach Mecklenburg und an den Rhein und besuchte ein Lehrerseminar. Im Frühjahr 1899 legte er das zweite theologische Examen ab. Auf Wunsch des Vaters begab sich Gustav für ein halbes Jahr zu „Mutter Eva“ in das Diakonissenhaus Friedenshort nach Miechowitz, ehe er als Vikar nach Krombach im Siegerland kam. Doch verlor er unversehens seine Stimme und musste zur Erholung nach Amrum.

Von 1900 bis 1901 war Gustav als persönlicher Hilfsprediger seines Vaters in Bethel tätig. Nur unter der Bedingung, jederzeit zurückzukehren, falls Not am Mann war, durfte Gustav im November 1901 eine Stelle als Pfarrer in Dünne bei Bünde antreten. Hier schien sein Leben endlich zur Ruhe zu kommen. 1902 heiratete er Adelheid von Ledebur, die jüngere Schwester Luise von Bodelschwinghs, der Frau des älteren Bruders Wilhelm. Aus der Ehe von Gustav und Adelheid von Bodelschwingh gingen vier Kinder hervor. 1907 gründete Bodelschwingh die „Heimstätte Dünne gGmbH“, die in der Weimarer Republik mehr als 600 Häuser für Familien aus der Arbeiterschicht errichten sollte.

1909 wurde Gustav zur Unterstützung des kranken Vaters wieder nach Bethel zurückgerufen. Seinen Plan, als Missionar nach Afrika zu gehen, stellte er nach dem Tod des Vaters zurück, um die Verhältnisse in der Betheler Moorkolonie Freistatt zu regeln. Im Frühjahr 1912 konnten Gustav von Bodelschwingh und seine Familie endlich nach Afrika aufbrechen. Im Dienste der Bethel-Mission arbeitete er in Usambara, überwarf sich dort aber bald mit den älteren Missionaren. Gegen den Willen der Missionsleitung in der deutschen Heimat begab er sich nach Ruanda, wo er auf der Insel Idjwi im Kiwu-See tätig war. Vom Ersten Weltkrieg überrascht, arbeitete er eine Zeitlang auf der Missionsstation Kirinda, leistete Lazarettdienst bei der deutschen Kolonialtruppe, geriet in belgische, englische und französische Kriegsgefangenschaft und wurde schließlich in der Schweiz interniert.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Gustav von Bodelschwingh erneut in Bethel tätig, wo er zunächst den umfangreichen Nachlass seines Vaters ordnete. Seit seiner Zeit in Afrika litt er an chronischer Malaria. Während eines Kuraufenthalts in Davos schrieb Gustav, der über ein beachtliches schriftstellerisches Talent verfügte, seine Biographie Friedrich von Bodelschwinghs nieder. Zu dieser Zeit geriet Gustav unter den Einfluss des Erfinders, Kirchenkritikers und Bußpredigers Wilhelm Schmidt und übernahm dessen wirres, von antidemokratischen, antisemitischen, antibolschewistischen und antiamerikanischen Stereotypen geprägtes Weltbild. Die Spannungen mit der Familie nahmen zu. 1920 wechselte Gustav auf eine Pfarrstelle in Holsen-Ahle bei Bünde. Drei Jahre später zwang ihn seine angegriffene Gesundheit, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen. Er übersiedelte wieder nach Dünne, wo er eine Siedlung nach afrikanischer Lehmbauweise errichtete. Zwischen 1923 und 1933 entstanden unter seiner Leitung umfangreiche Siedlungen in Minden-Ravensberg und im Bergischen Land.

Sein klares Bekenntnis zum Staat Hitlers führte nach 1933 zu einer zunehmenden Isolierung Gustav von Bodelschwinghs innerhalb der Bekennenden Kirche. Am 26. Februar 1944 starb er an den Folgen einer Operation im Krankenhaus Gilead.

Gustav von Bodelschwingh in jungen Jahren
Gustav von Bodelschwingh in jungen Jahren

Gustav von Bodelschwingh in jungen Jahren
Gustav von Bodelschwingh in jungen Jahren

Gustav von Bodelschwingh
Gustav von Bodelschwingh