Frieda von Bodelschwingh

Noch in hohem Alter hatte Frieda von Bodelschwingh in ihrem Schlafzimmer das Bild einer Katze hängen, die sich, von drei belfernden Hunden in eine Ecke gedrängt, fauchend zur Wehr setzt, darauf eine Widmung ihrer „lieben Brüder“. Von klein auf musste sich die einzige Tochter Friedrich und Ida von Bodelschwinghs, geboren am 20. Februar 1874, gegen ihre drei Brüder behaupten – und gegen den übermächtigen Vater, dem sie seit dem Tod der Mutter im Jahre 1894 den Haushalt führte und den sie auch auf zahllosen Reisen begleitete. Was die praktische Organisation seines Lebens anging, verließ sich „Vater Bodelschwingh“ voll und ganz auf seine Tochter. Keine leichte Aufgabe für die junge Frau, die sie aber mit gesundem Menschenverstand, Humor, Energie und Umsicht meisterte.

Frieda, die an der Bielefelder Cecilienschule eine höhere Mädchenbildung erhalten hatte, absolvierte einen Kursus als freie Hilfsschwester im Mutterhaus Sarepta, 1894 arbeitete sie vorübergehend in der Diakonissenanstalt „Friedenshort“ in Miechowitz. Ein Eintritt in die Schwesternschaft Sareptas kam für die Tochter des „alten Bodelschwingh“ nicht in Frage – zu schwer wog der Name, als dass man der Trägerin den unbedingten Gehorsam meinte abverlangen zu können, der als Voraussetzung der Teilhabe an der Dienst-, Lebens- und Glaubensgemeinschaft der Diakonissen galt. Stattdessen wurde Frieda durch Vermittlung ihres Bruders Wilhelm, der selber Ritter des Johanniterordens war, Johanniterschwester. Wiederholt war sie in der Krankenpflege tätig.

Im September 1914 übernahm Frieda die Leitung der Lazarettabteilung im Betheler Studentenheim. Anfang 1916 reiste sie mit mehreren anderen Johanniterschwestern nach Mitau im Kurland, um der Anstalt Tabor mit ihren 400 geistig behinderten, epilepsiekranken und alten Bewohnern zu helfen. Aufgrund der Kriegslage fehlte es an Lebensmitteln und Kleidung. Die Nazarethdiakone, die in der Anstalt gearbeitet hatten, waren in russische Kriegsgefangenschaft geraten, die einheimischen jüngeren Mitarbeiter zum Militärdienst eingezogen. Nach dem Tod des Vorstehers gab es keine funktionierende Leitungsebene mehr, die Schwesternschaft Tabors, die zum größten Teil aus jungen lettischen Frauen bestand, war von „nationalen Spannungen“ zerrissen. Frieda von Bodelschwingh gelang es, die Gegensätze innerhalb der Schwesternschaft auszugleichen und die Arbeit der Anstalt wieder in Gang zu bringen. 1917 reorganisierte sie dann die kleine Schwesternschaft der Anstalt für entlassene weibliche Fürsorgezöglinge in Wuppertal, 1918 gründete sie ein Heim für Munitionsarbeiterinnen in Rheda. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begab sich Frieda nach Erkner bei Berlin, um eine Zufluchtstätte für „verirrte Frauen“ ohne Obdach und Arbeit zu errichten.

Fortab lebte Frieda mit ihrer langjährigen Freundin und Helferin, Schwester Marie Horstmann, in dem kleinen Häuschen am Mühlenweg in Bethel, das der Vater ihr vorsorglich hatte bauen lassen. In einem kleinen Gartenhaus, dem „Weihnachtshäuschen“, bereiteten Frieda und Marie über mehrere Jahrzehnte hinweg aus den Gaben, die aus aller Welt in Bethel eingingen, die Weihnachtsbescherung für die Bewohner Bethels vor. In den 1920er Jahren fand Frieda von Bodelschwingh in der Betreuung der wolgadeutschen Waisenkinder, die nach ihrer Abschiebung aus dem bolschewistischen Russland in Bethel ein Zuhause fanden, eine neue Aufgabe.

Frieda von Bodelschwingh war gerne unterwegs, jeder „Vorwand zu einer guten Reise“, heißt es in ihrem Nachruf, sei ihr recht gewesen. 1925 begleitete sie ihren Bruder Friedrich zu einer internationalen Konferenz nach Stockholm. 1930 unternahm sie eine Reise zu den Niederlassungen der Bethel-Mission in Ostafrika. 1947 machte sie sich zu Kollektenreisen nach Schweden und in die Schweiz auf. Ihren Lebensabend verbrachte sie in ihrem Geburtshaus, Friedrich von Bodelschwinghs erstem Betheler Pfarrhaus am Jägerbrink. Am 28. Mai 1958 starb Frieda von Bodelschwingh.

Unterwegs mit „Vater Bodelschwingh“

„‘Lerne dich anstrengen‘ – so höre ich Vaters Stimme zu uns Kindern oder zu seinen Mitarbeitern sprechen. […] Die Reisen auf die Außenstationen zum Besuch der Schwestern und zur Revision der Zweiganstalten nahm Vater meist plötzlich ohne viel Vorbereitungen vor. Meist rief er mir morgens zu: ‚Um 8.21 Uhr fährt unser Zug!‘. Unbekümmert überließ er andern die Sorge, dass er zur rechten Zeit zur Bahn käme. […] Auf der Reise pflegte er sofort anzufangen zu arbeiten. Er zog Schriftstücke aus seiner großen Umhängetasche und ließ mich daraus vorlesen in der Annahme, dass es alle Mitreisenden interessieren würde. Wenn dies nicht ausreichend der Fall war, ging er in ein anderes Abteil, wo er mehr Interesse fand, und ließ alle seine Sachen ausgepackt zurück, die ich dann zusammensuchen musste. […] In Braunschweig wurde in Gegenwart des Prinzen Albrecht ein Diakonissenhaus eingeweiht. Ich wusste, dass die Herren in Gala erscheinen mussten, und weil Vater von Bielefeld durchaus keinen Zylinder mitnehmen wollte, hatte ich in Braunschweig einen geborgt. Es gab einen Regenschauer, und Prinz Albrecht sagte: ‚Bodelschwingh, setzen Sie doch Ihren Hut auf!‘ worauf er erwiderte: ‘Königliche Hoheit, der gehört mir nicht und passt mir nicht; meine Tochter hat ihn geborgt.‘ Solche Erlebnisse hatte man mit ihm, und es war nicht immer einfach, mit ihm zu reisen.“

Die „Wolgakinder“

„Es war am Abend des 16. Dezember [1923], als ich mit zwei Vertretern des Roten Kreuzes und des Vereins der Wolgadeutschen an der polnischen Grenze den Flüchtlingszug der Wolgadeutschen erwartete. Dunkel lief er auf der Übernahmestation ein. Die Türen wurden aufgeschlossen, und eine Fülle kleiner Gestalten umringte mich. „Warum habt ihr uns so lange luern lassen?“ „Nimmst du uns dahoam (daheim)?“ „Sind wir in Deutschland?“ „Dürfen wir jetzt alles schwätzen?“ (der Terror hatte sie verängstigt und zu falschen Angaben verleitet) – und andere Fragen umschwirrten mich. Und als wir dann nachts zwischen zwölf und ein Uhr in Frankfurt a. [d.] O. im Schnee und unter Fackelschein in das Heimkehrerlager zogen, all die Waisenkinder in dürftiger Kleidung, die z. T. erfrorenen Füße in zerrissenen Schuhen, und der treusorgende Arzt und Transportführer Dr. Karsten ihnen sagte: ‚Schwester Frieda will jetzt eure Mutter sein‘ – da wusste ich, dass uns ein schön Erbteil geworden ist“.

Himmelfahrt nach Usambara

„Nicht im Ochsenwagen oder auf einem Esel reitend machte ich die erste Reise auf die Höhen Usambaras. Im Missionsauto holte Pastor Gleiß mich im Mai 1930 von Tanga, der Küstenstadt, nach Wuga, zum Himmelfahrtsfest. Vorn neben dem schwarzen Fahrer Manasse sitzend, fuhr ich zunächst durch die Ebene, die sich am Fuße des Usambara-Gebirges entlangzieht. […] Plötzlich hält der Wagen. Ein sonderbar gekleideter Schwarzer mit Gummimantel, buntem Badetuch, Autobrille und Rhinozeros-Peitsche steht vor uns. Einen Augenblick denke ich, es sei ein Regierungsaufseher. Da – Posaunenklänge und eine große Schar von Kindern und Erwachsenen. Die Leute aus Lutindi, der Irrenanstalt, waren es, und der seltsame Mann ist ein geisteskranker Askari, mit einem Strauß von Usambara-Veilchen und Reiseproviant zu unserer Begrüßung geschickt.“

Wilhelm, Fritz, Frieda und Gustav von Bodelschwingh (v.l.n.r.)
Wilhelm, Fritz, Frieda und Gustav von Bodelschwingh (v.l.n.r.)

Frieda von Bodelschwingh als Kind
Frieda von Bodelschwingh als Kind

Frieda von Bodelschwingh
Frieda von Bodelschwingh

Frieda von Bodelschwingh (l.) in Ostafrika, 1930
Frieda von Bodelschwingh (l.) in Ostafrika, 1930

Frieda von Bodelschwingh mit ihrem Vater
Frieda von Bodelschwingh mit ihrem Vater

„Wolgakinder“ vor der Zionskirche, 1922
„Wolgakinder“ vor der Zionskirche, 1922

Patienten aus Lutindi
Patienten aus Lutindi