Friedrich von Bodelschwingh d. J.

Von seinem Biographen Wilhelm Brandt ist Friedrich von Bodelschwingh d. J. als „Nachfolger und Gestalter“ treffend gewürdigt worden. Er führte das Werk seines Vaters in dessen Geist fort, sah sich aber von seiner Wahl zum Vorsteher Bethels im Jahre 1910 bis zu seinem Tod im Jahre 1946 mit ungeheuren Herausforderungen konfrontiert, die außerhalb dessen lagen, „was zur Zeit des Vaters auch nur denkbar gewesen wäre“. In die Amtszeit Friedrich von Bodelschwinghs d. J. fielen der Erste Weltkrieg, der Untergang des Hohenzollernreiches und die Revolution von 1918/19, die Bürgerkriegswirren der frühen Weimarer Republik, die Hyperinflation im Jahre 1923, der Ausbau des modernen Wohlfahrtsstaates in den „goldenen Zwanzigern“, die Weltwirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik, die nationalsozialistische Diktatur, der Massenmord an 200.000 Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen, der Zweite Weltkrieg und schließlich der Zusammenbruch der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung im Jahre 1945. Die Bewahrung des diakonischen Kerns in bewegten Zeitläufen durch die Ausgestaltung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen – wie sie seit 1921 hießen – und ihre Anverwandlung an moderne Strukturen sozialer Staatlichkeit – darin liegt die Leistung des Sohnes, die der des Vaters in nichts nachsteht.

Friedrich von Bodelschwingh d. J. wurde am 14. August 1877 als jüngstes Kind Friedrich und Ida von Bodelschwinghs in Bethel geboren. Er besuchte das Bielefelder Gymnasium und studierte von 1896 bis 1899 an den Universitäten Bonn, Basel, Tübingen, Greifswald und Göttingen Theologie. Nach dem ersten theologischen Examen und dem Militärdienst wurde er 1901 als Lehrvikar und persönlicher Gehilfe des Vaters in Bethel tätig. Er bat den Vater, „meine Arbeit nicht über die Grenzen Deines persönlichen Schreibers, Laufjungen und allergehorsamsten Packesels hinausgehen zu lassen in das verantwortungsvolle und verwirrende Anstaltsgetriebe, dem ich mich nicht gewachsen fühle“. Doch sollte genau dies seine Lebensaufgabe werden. 1903 – nach dem zweiten theologischen Examen – ging er für kurze Zeit als Hilfsprediger an die St.-Reinoldi-Gemeinde in Dortmund, wurde aber schon im Jahr darauf zur Unterstützung des Vaters nach Bethel zurückgerufen. In seinem Antwortschreiben an den Vater heißt es: „Du schreibst von einem ‚geregelten Stück Arbeit’. Erlaube mir, in aller Bescheidenheit ein Fragezeichen dahinter zu setzen.“ Das war hellsichtig. Da der Vater durch seine Tätigkeit als Abgeordneter des preußischen Landtags, später durch die Gründung der Hoffnungstaler Anstalten und sein Engagement für die ostafrikanische Mission in Bethel immer weniger präsent war, übernahm der Sohn alsbald die gesamte Verwaltung der eigentlichen Epileptischen-Anstalt. 1906 wurde Friedrich von Bodelschwingh d. J. zum Vertreter seines Vaters als geistlicher Vorsteher von Bethel gewählt und zum Pfarrer der Zionsgemeinde bestellt. Obwohl der Vater lange geschwankt hatte, wen er zu seinem Nachfolger bestimmen sollte, und der Sohn „weder Neigung noch Begabung“ zu diesem Amt verspürte und „jede Spur von Nepotismus ausgeschlossen“ wissen wollte, zögerte der Vorstand nicht, den Stellvertreter zum Nachfolger zu wählen. Im Jahr darauf heiratete Friedrich von Bodelschwingh d. J. die jüngste Schwester seiner Schwägerinnen Luise und Agnes, Julia von Ledebur.

In den ersten Monaten und Jahren hatte der neue Vorsteher schwere Leitungskonflikte zu bestehen – die Verantwortung in den stetig wachsenden Anstalten musste auf viele Schultern verteilt werden, während der neue Vorsteher aus dem Schatten des übermächtigen Vaters treten und seine eigene Autorität festigen musste. Im Ersten Weltkrieg, als große Teile Bethels als Lazaretts dienten, galt es, das Überleben der kranken und behinderten Bewohner trotz drangvoller Enge, Not und Hunger zu sichern. Im Weimarer Wohlfahrtsstaat erlebten die v. Bodelschwinghschen Stiftungen einen erneuten Wachstumsschub und eine Ausweitung und Auffächerung der Arbeitsgebiete. Das Krankenhauswesen wurde ebenso ausgebaut wie das Schulwesen, die Fürsorgeerziehung und – am Ende der Weimarer Republik – der Freiwillige Arbeitsdienst. „Pastor Fritz“, wie er in Bethel liebevoll genannt wurde, stand vor der schwierigen Aufgabe, den Zusammenhalt des Werkes im Geiste der inneren Mission zu wahren und gleichzeitig die Anstalten in den modernen Sozialstaat einzubauen, ohne sich von ihm vereinnahmen zu lassen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wuchs Friedrich von Bodelschwingh „über Bethel hinaus in die Rolle einer der führenden Gestalten kirchlichen Lebens hinein“. Das Wort des Leiters der größten Einrichtung der Inneren Mission besaß nicht nur Gewicht im Central-Ausschuss für Innere Mission. Auch in der verfassten Kirche galt Bodelschwingh bald als moralische Autorität. So tagte der erste Kirchentag des neu geschaffenen Deutschen Evangelischen Kirchenbundes 1924 in Bethel. Der besondere „Bodelschwinghton“ – leise, freundlich, bescheiden und zurückhaltend, aber dem Gesprächspartner seelsorgerlich zugewandt, von tiefer Frömmigkeit ohne konfessionelle Schärfe, stets mit menschlicher Wärme, manchmal aber auch mit einem feinen ironischen Unterton – machte Friedrich von Bodelschwingh zu einem Kirchen- und Diakoniepolitiker, der geduldig abwartete, geschickt vermittelte und sich selbst als „überparteilich“ und „unpolitisch“ darzustellen verstand. Es war kein Zufall, dass die Vertreter der evangelischen Landeskirchen ihn am 27. Mai 1933 zum Reichsbischof der unter dem Druck des NS-Staates neu geschaffenen Deutschen Evangelischen Kirche wählten. Bodelschwingh hatte dieses Amt nicht angestrebt – auf dem kirchenpolitischen Parkett, hat er einmal geschrieben, fühle er sich „wie eine Amsel auf dem Potsdamer Platz“ –, er stellte sich aber der Verantwortung. Schon nach vier Wochen, am 24. Juni 1933, sah er sich angesichts der Einsetzung eines Staatskommissars für die evangelischen Landeskirchen Preußens, aber auch wegen der mangelnden Unterstützung aus den eigenen Reihen, gezwungen, sein Amt zurückzugeben. Er blieb aber der „heimliche Bischof“, der unermüdlich versuchte, die Gräben zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche nicht zu tief werden zu lassen und so die Einheit der Volkskirche zu retten. Gelegentlich geriet er mit dieser Haltung zwischen alle Fronten, dennoch blieb er der geistliche Mittelpunkt der kirchlichen Opposition. Im Bereich der Inneren Mission wirkten er und seine Mitarbeiter überall im Deutschen Reich hinter den Kulissen mit, die Unabhängigkeit diakonischer Werke und Dienste gegen die Übernahmeversuche der braunen Machthaber zu verteidigen.

Seine größte Bewährungsprobe hatte Friedrich von Bodelschwingh in den Jahren 1940/41 zu bestehen, als der nationalsozialistische Staat unter dem Deckmantel der „Euthanasie“ einen bis dahin unvorstellbaren Massenmord an etwa 200.000 psychisch kranken und geistig behinderten Menschen ins Werk setzte. Im Rahmen der so genannten „Aktion T 4“, der Massenvergasung von 70.000 Patienten aus deutschen Heil- und Pflegeanstalten, stand Friedrich von Bodelschwingh im Zentrum des Widerstandes. Zusammen mit Pastor Paul Gerhard Braune, dem Leiter der Lobetaler Anstalten, intervenierte er bei den Behörden. Zunächst verweigerte Bethel die Ausfüllung der Meldebögen zur Erfassung der Opfer. Nachdem im September 1940 der Abtransport von acht jüdischen Patienten aus Bethel nicht hatte verhindert werden können, änderte Bodelschwingh seine Strategie. Man arbeitete jetzt mit der Ärztekommission, die von Berlin entsandt wurde, um die Patienten in Bethel zu selektieren, zusammen, um eine möglichst große Zahl von Menschen zu retten. Bodelschwingh musste jedoch dem Abtransport von 446 Patienten zustimmen. Er spielte jetzt auf Zeit und bat darum, mit der Verlegung noch zu warten. Als Folge des Abbruchs der „Aktion T4“ im August 1941 blieben die Betheler Patienten dann verschont – glücklicher Zufall oder Fügung. Bodelschwingh suchte wiederholt das Gespräch mit Hitlers „Begleitarzt“, Professor Karl Brandt, um ihm ins Gewissen zu reden.

Friedrich von Bodelschwingh erlebte als Teilnehmer an der Kirchenversammlung in Treysa Ende August 1945 noch den Neuanfang kirchlichen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg mit. Am 4. Januar 1946 ist er gestorben.

Gefahren des Wachstums

In seiner Schrift „Saat und Segen“, in der Friedrich von Bodelschwingh zu Beginn der 1930er Jahre eine Zwischenbilanz der ersten beiden Jahrzehnte seines Wirkens in Bethel zog, sprach er die Gefahren des Wachstums im Zeichen des Weimarer Wohlfahrtsstaates offen an:

„Es ist einmal das bedenkliche Wort von einem ‚Großbetrieb der Barmherzigkeit’ gebraucht worden. Sobald wir Betrieb würden, in dem der einzelne nur noch eine Nummer ist; sobald ein überliefertes Schema, auch wenn es noch so schön wäre, zur Versteinerung würde, in der alles Leben erstickt, dann wären wir verloren. Die Not der Größe unserer Arbeit, die wir stark empfinden, kann nur überwunden werden durch eine Beweglichkeit, die die Aufgabe des Dienstes als eine täglich neu gestellte und neu zu lösende ansieht, für die auch täglich neue Kräfte geschenkt werden müssen. Nur wenn dieser Mittelpunkt barmherziger Liebe zu den Elendsten gesund und lebensfrisch bleibt, können von da aus auch die weiteren Kreise der Gemeinde erfasst, befruchtet und zu einer wahren Einheit zusammengeschlossen werden.“

Der „heimliche Reichsbischof“

Noch am Tag seines Rücktritts vom Amt des Reichsbischofs, dem 24. Juni 1933, veröffentliche Friedrich von Bodelschwingh „Ein Wort an alle, die unsere Deutsche Evangelische Kirche lieben“. Darin heißt es:

„Ich scheide nicht aus der innersten Verpflichtung, die mir die vergangenen Wochen auferlegt haben. Ich will gern in diesem Sinne ein ‚Bischof und Diakon’ sein, d. h. ein ‚Aufseher und Diener’ der deutschen Kirche, bleiben. […] Wir wünschen uns eine junge, lebendige Kirche, in der geistliche Dinge geistlich behandelt werden, und in der Bekenntnis und Verkündigung frei bleiben von allen politischen Machtmitteln. Der Kampf um diese innerlich freie Kirche des Evangeliums geht weiter.“

Der Kampf gegen die „Euthanasie“

Am 25. April 1941 versuchte Friedrich von Bodelschwingh noch einmal, den „Begleitarzt“ Hitlers, Professor Karl Brandt, auf seine Seite zu ziehen:

„Denn wenn das Programm lautet: es solle künftig überhaupt keine Pflegeanstalten mehr geben, dann schwebt über einem viel größeren Kreis unserer Pflegebefohlenen das Todesverhängnis.

Diese Sorge belastet die Gespräche mit den zahlreichen Angehörigen, die jetzt wegen der Sicherheit ihrer Kinder bei uns anfragen. Durch das Erscheinen der 18 Ärzte in Bielefeld ist das, was hier in Bethel geschehen ist und voraussichtlich noch geschehen wird, weithin bekannt geworden. Wir konnten das nicht verhindern. Ich erwähne nur eins: Schon das Personal der Bielefelder Hotels hat durch die Gespräche der Herren mehr als erwünscht ist, von den Dingen erfahren. So ging es wie ein Lauffeuer durch Stadt und Land. Bereits am zweiten Tage nach dem Eintreffen der Ärzte kamen die Bauern in der Senne zu unseren Kranken auf das Feld mit der Frage: ‚Wisst ihr, dass die Mordkommission in Bielefeld angekommen ist?’ […] Wir suchen zu beruhigen, soweit es möglich ist, können aber nicht ableugnen, was Hunderttausende längst wissen. So stehen wir fortwährend in kaum erträglichen Spannungen. […]

Für die idealen Gesichtspunkte, die Sie, sehr geehrter Herr Professor, in dieser Frage bestimmen, habe ich volles Verständnis. So aber, wie die Dinge sich ausgewirkt haben, bin ich überzeugt, dass aus den Maßnahmen mehr Schaden als Segen für unser Deutsches Volk erwachsen ist. Darum wage ich Sie herzlich zu bitten: Könnten Sie nicht dem Führer vorschlagen, das Verfahren zum mindesten so lange ruhen zu lassen, bis ihm nach dem Krieg eine klare gesetzliche Grundlage gegeben ist?“

Der Vorsteher Bethels konnte den Mediziner, der im Zweiten Weltkrieg zum Reichskommissar des gesamten Sanitäts- und Gesundheitswesens aufstieg, nicht überzeugen. Dennoch reichte Friedrich von Bodelschwingh nach dem Zweiten Weltkrieg ein Gnadengesuch für Karl Brandt ein, der jedoch im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Der „kleine Fritz“
Der „kleine Fritz“

Fritz von Bodelschwingh in jungen Jahren
Fritz von Bodelschwingh in jungen Jahren

Friedrich von Bodelschwingh, Vater und Sohn
Friedrich von Bodelschwingh, Vater und Sohn

Fritz von Bodelschwingh
Fritz von Bodelschwingh

Fritz von Bodelschwingh
Fritz von Bodelschwingh

Fritz von Bodelschwingh im Reichslager des Bundes Deutscher Bibelkreise, 1933
Fritz von Bodelschwingh im Reichslager des Bundes Deutscher Bibelkreise, 1933

Fritz von Bodelschwingh auf der Kanzel der Zionskirche
Fritz von Bodelschwingh auf der Kanzel der Zionskirche