Julia von Bodelschwingh

Julia von Ledebur wurde am 7. Juni 1874 als elftes Kind ihrer Eltern Albrecht Freiherr von Ledebur und Marie, geborene Freiin von der Recke-Obernfelde, auf dem Rittergut Crollage im Kreis Lübbecke geboren. 1876 starb die Mutter am Kindbettfieber. Die mittlerweile zwölfköpfige Kinderschar blieb verwaist zurück. Julia, gerade eineinhalb Jahre alt, wuchs unter der Obhut ihrer älteren Geschwister auf. In Hannover besuchte sie eine Höhere Töchterschule. Schon früh fiel Julias Talent zum Malen auf, das wohl in der Familie lag: Der Bruder Carl und die Schwester Luise studierten Malerei. Zwei andere Schwestern wurden Diakonissen, Helmine in Neuendettelsau, Bertha in Frankfurt am Main. Gerne wäre auch die junge Julia Diakonisse in Neuendettelsau, sie verzichtete aber vorerst mit Rücksicht auf den alternden Vater, den sie versorgte, auf den Eintritt in ein Mutterhaus.

Julias Schwester Luise, die im Auftrag „Vater Bodelschwinghs“ die Wandelhalle im Mutterhaus Sarepta mit einem Wandgemälde geschmückt hatte, heiratete 1897 Wilhelm von Bodelschwingh. Julia selbst arbeitete eine Zeitlang als „freie Hülfsschwester“ im Kinderheim in Bethel.

Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1899 war sie frei. Diakonisse wollte Julia nun nicht mehr werden. Sie verdiente als häusliche Pflegerin und Hauslehrerin ihr eigenes Geld, wandte sich dann aber dem Studium der Malerei zu. 1905 ging sie an die Berliner Hochschule für Bildende Künste: „Der Monat mit täglich Stunde von 9 bis 1 ist 50 Mark, ohne Modell. Ich leihe also drauf los, und es wird sich finden, ob ich nebenher abverdienen kann“. Später wechselte sie an die staatliche Kunst- und Gewerbeschule.

1902 heiratete Julias Schwester Agnes Gustav von Bodelschwingh, der damals als Gemeindepfarrer in Dünne arbeitete. Die Berliner Kunststudentin hatte sich mittlerweile weit von dieser Welt entfernt und trug sich sogar mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten. „Ihre Ansichten“, urteilte die Schwester Bertha, „waren haarsträubend, und länger wie einen Tag und eine Nacht hätte ich es nicht aushalten können, es schnitt einem durchs Herz.“ Die Wende kam im Jahr 1910. Julia fühlte sich zu dem Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin hingezogen, aus der langjährigen Freundschaft entwickelte sich aber keine Liebesbeziehung. Im August 1910 eilte Julia nach Bethel, um ihrer von schwerer Krankheit genesenen Schwester Adelheid bei den Vorbereitungen zur Übersiedlung nach Freistatt beizustehen. Bei dieser Gelegenheit traf Julia auch mit Fritz von Bodelschwingh zusammen. Mittlerweile war er in der Nachfolge seines verstorbenen Vaters zum Vorsteher Bethels aufgestiegen – und er ließ Julia nicht kalt, wie sie ihrem Bruder gestand: „Wenn nun Gustavs jüngster Bruder vor meines Herzens Tür stände – mir ist, als raschelte da was –, aber doch unmöglich, oder doch möglich? Würdest Du es für möglich halten? Ich? Leg es unters Kopfkissen, wie ich.“ Der Familie war keineswegs wohl bei dem Gedanken, dass aus den beiden ein Paar werden könnte. „Merkwürdig“, schrieb Gustav von Bodelschwingh an seine Frau, „ich zittere jetzt bei dem Gedanken, dass aus F.[ritz] und J.[ulia] etwas werden könnte. Aber auf der anderen Seite muss man sagen: F.[ritz] braucht eine starke Frau, eher zu stark als zu schwach.“

Er bekam sie. Schon die Hochzeitsfeier in der Moorkirche in Freistatt am 30. April 1911 gestaltet sich unkonventionell – die weiblichen Verwandten waren enttäuscht, dass die Braut ein schwarzes Kleid trug. Entgegen allen Erwartungen bewährte sich Julia von Bodelschwingh als Ehefrau des Vorstehers von Bethel glänzend. Sie begleitete ihren Mann bei seinen täglichen Wegen durch die Anstalt und auf seinen Dienstreisen, führte ein offenes Pfarrhaus, in dem die Kranken ein- und ausgehen konnten, richtete noch vor dem Ersten Weltkrieg eine Webschule in den Anstalten ein, für die sie später die Künstlerin Benita Koch gewann, und gründete eine Teppichweberei für die Arbeitslosen des Eggetals vor den Toren Bethels. Julia von Bodelschwingh gestaltete das etwas düstere Haus Burg, Pfarrhaus Fritz von Bodelschwinghs, mit großem künstlerischen Geschick um, legte einen zauberhaften Garten an, organisierte denkwürdige Geburtstagsfeiern für ihren Mann mit den behinderten Kindern des Hauses Patmos. Zum Malen kam sie zunächst nicht mehr. Erst 1933 erhielt sie ein kleines Atelier. Viel Zeit zum Malen blieb auch jetzt nicht. Julia stand ihrem Mann in den Wirren des „Kirchenkampfes“ und in den Auseinandersetzungen mit dem NS-Staat bei, wobei sie selbst an den Rand ihrer Kräfte kam. In ihr Tagebuch notierte sie damals: „Wir beide halb tot vor Müdigkeit.“ Nach dem Tod ihres Mannes steckte sie ihre ganze Kraft in den Aufbau des Fritz-v. Bodelschwingh-Heims in Westerhausen bei Melle, ein Projekt, das indes unter keinem glücklichen Stern steht.

Julia von Bodelschwingh ist vielen Zeitgenossen in lebhafter Erinnerung geblieben. Sie liebte helle, bequeme, nach der Reformkleidung der Jahrhundertwende selbst geschneiderte Kleider und eine überzeugte Anhängerin der Naturheilkunde. Sie war voller Witz, schlagfertig, auch kritisch und scharfzüngig, wenn es sein musste. Frömmelnde Enge entlarvte sie mit beißendem Spott, die tiefe Frömmigkeit ihres Mannes teilte sie jedoch mit großem Ernst. Julia von Bodelschwingh starb am 29. September 1954.

Julia über die bevorstehende Hochzeit

Am 6. Februar 1911 schrieb Julia von Ledebur an ihren Bruder Albrecht:

„Unsre Hochzeit müsst Ihr nicht tragisch nehmen, zumal F.[ritz] durchaus das Datum noch lange nicht feststellen kann. Für unsere Verhältnisse ist überhaupt eine normale Hochzeit nicht angebracht. Ob das nun Euch angenehm oder unangenehm ist, kann kaum berücksichtigt werden. Darum entbanden wir Crollage der Hochzeit, und so fühlen wir uns auch aller sonst und für andere ganz anerkannten Bräuche und Vorschriften entbunden. Wir erwarten daher auch nur, wer kommen mag […].

Mit großer Ehrfurcht bauen die Bethelschneider des Vaters Rock – nicht Frack – zur Hochzeit zurecht für F.[ritz]. Auch das ist Maßstab für die Kleidung. Mein Kleid wird mir die Sonne des Tages vorschreiben und muss im Verhältnis zu dem Mannsrock stehen. Ob ich gewillt bin, mich mit Kranz und Schleier zu dekorieren, ist mir auch fraglich. Jedenfalls muss der Geschwistermensch, der uns mit seiner Anwesenheit herzlich erfreut, auf alles gefasst sein.

[…] Schlag mal vor, dass alles im Überrock ist. Wirklich, so schön sonst all das Äußere ist, es kann hier wirklich fortfallen […] Wer die Courage hat zu kommen, und die anerkennende Liebe, bekommt dann einen Eindruck von dem, was uns bevorsteht.“

Julia von Ledebur in jungen Jahren
Julia von Ledebur in jungen Jahren

Julia und Fritz von Bodelschwingh, 1911
Julia und Fritz von Bodelschwingh, 1911

Julia von Bodelschwingh in Palästina, 1927
Julia von Bodelschwingh in Palästina, 1927