Ida von Bodelschwingh

Ida von Bodelschwingh wurde am 15. April 1835 im Wasserschloss Haus Heyde bei Unna geboren. Ihr Vater, Carl von Bodelschwingh, war zu dieser Zeit Landrat des Kreises Hamm. Später lebte die Familie in Minden, Münster und Arnsberg, wo der Vater immer höhere Posten im Staatsdienst bekleidete. 1851, mit der Ernennung des Vaters zum preußischen Finanzminister, zog sie nach Berlin.

Ida und Friedrich von Bodelschwingh kannten sich seit ihrer Kindheit, waren sie doch Cousine und Cousin. Nach dem Tod seines eigenen Vaters wurde der Onkel Friedrichs Vormund. Gegen Ende seines Studiums – vom März 1857 an – wohnte Friedrich sogar mit in der Wohnung des Onkels im Finanzministerium in Berlin. Wenn man den Lebenserinnerungen Glauben schenken will, hatte er damals bereits eine tiefe Zuneigung zu Ida gefasst, aber Stillschweigen bewahrt, weil er sich sicher war, dass der Onkel angesichts seines Plans, als Missionar nach Übersee zu gehen, einer Verbindung ohnehin seine Zustimmung verweigern würde. Ida jedenfalls war damals nicht in Friedrich verliebt, sondern in den Offizier Wilhelm von Diest, einen Cousin Bodelschwinghs. Die Eltern hatten sich jedoch mit dieser Verbindung nicht einverstanden erklärt, was Ida in eine psychische Krise stürzte – sie entwickelte starke Depressionen. Gerade als Bodelschwingh in Berlin eintraf, musste sich Ida in das Sanatorium „Schweizerhof“ in Zehlendorf begeben. Nach ihrer Entlassung im Sommer 1857 reiste sie mit ihrer Mutter nach Haus Heyde, so dass Bodelschwingh sie in seinen Berliner Semestern kaum zu Gesicht bekam.

Die Heirat Friedrich und Ida von Bodelschwinghs fiel in die Pariser Jahre. Es waren zunächst ganz pragmatische Gründe, die in Bodelschwingh den Entschluss heranreifen ließen, sich zu verheiraten – hatte doch das Junggesellendasein für einen jungen Pastor seinerzeit etwas Bedenkliches an sich. Auf einer Werbereise in das Ravensberger Land im September 1860 traf Bodelschwingh mit Wilhelm von Diest zusammen, der ihm erklärte, er gebe Ida frei, und ihn ermutigte, um ihre Hand anzuhalten. Onkel und Neffe scheinen sich sofort einig gewesen zu sein. Ida wurde ein Brief Diests vorgelesen, in dem dieser seinen Verzicht auf eine Verbindung erklärte. Dann wurde sie mit dem Heiratsantrag Friedrichs konfrontiert. Fast mag es scheinen, als sei über Idas Kopf hinweg von Männern über diese Heirat entschieden worden. Wir wissen wenig darüber, wie sie sich dazu stellte. Doch dürfte die Aussicht, an der Seite des „Straßenkehrerpastors“ nach Paris zu gehen, für sie nicht ohne Reiz gewesen sein. Sie war in demselben religiösen Milieu aufgewachsen wie Friedrich von Bodelschwingh – in Berlin hatte sie Zugang zu dem Kreis um Pfarrer Gustav Knak gefunden, der von der Erweckungsbewegung geprägt war. Schon früh war Ida auch mit den Werken der inneren Mission in Berührung gekommen. Theodor Fliedner hegte wohl die Hoffnung, sie für sein Mutterhaus gewinnen zu können, doch scheiterte dies an Idas schwacher Gesundheit. Sie engagierte sich aber in der Armenpflege des Berliner Doms und wuchs so „in den Aufgabenkreis einer künftigen Pfarrfrau hinein“.

Nur zwei Tage blieb Bodelschwingh in Haus Heyde, dann setzte er seine Werbereise für die Pariser Evangelisation fort. So wie er sein gesamtes Leben dem Werk unterordnete, zu dem er sich von Gott berufen fühlte, so betrachtete er auch seine Ehe als gemeinsame Arbeit am Reich Gottes. Durch Bedenken im Hinblick auf das enge Blutsverwandtschaftsverhältnis zwischen den Brautleuten ließ sich Bodelschwingh nicht beirren – tatsächlich musste vor der Hochzeit von den Behörden eine Ausnahmegenehmigung erwirkt werden. Am 18. April 1861 wurden Friedrich und Ida von Bodelschwingh getraut. Friedrich kam gerade von seinem Vortrag in Berlin zurück; die Hochzeitsreise bestand in einer Wanderung durch die Erweckungsgemeinden des Ravensberger Landes.

Die Ankunft in Paris scheint für Ida von Bodelschwingh ein Schock gewesen zu sein – derart primitive Lebensbedingungen hatte sie wohl trotz der Vorwarnungen ihres Mannes nicht erwartet. Doch gelang es ihr, sich in der fremden Umgebung einzuleben. Die Aufbauarbeit ihres Mannes unterstützte sie nach Kräften und verkaufte sogar ihren Schmuck, um das Geld für den Kauf einer Orgel für die Hügelkirche zusammenzubringen, die sie, von Haus aus hochmusikalisch, während der Gottesdienste spielte. 1863 brachte Ida ihr erstes Kind, den kleinen Ernst, zur Welt. Jetzt war sie offenbar am Ende ihrer Kräfte. Sie entwickelte eine Wochenbettpsychose und wurde zur Behandlung abermals in den Schweizerhof nach Zehlendorf gebracht. Wohl aus Rücksicht auf seine Frau übernahm Bodelschwingh die Pfarrstelle in Dellwig.

Hier kam Ida zusehends wieder zu Kräften. Sie brachte drei weitere Kinder zur Welt: Elisabeth (1864), Friedrich (1866) und Karl (1867). 1869 wurde die Familie von einer Katastrophe heimgesucht. Zunächst erkrankte der älteste Sohn Ernst an „Stickhusten“. Die übrigen Kinder steckten sich an. Innerhalb von zwei Wochen – zwischen dem 12. und dem 25. Januar 1869 – starben alle vier. Friedrich von Bodelschwinghs Verklärung des Sterbens seiner Kinder drängte Idas Trauer in den Hintergrund. Sie war zwar in derselben Gedanken- und Gefühlswelt aufgewachsen wie ihr Mann und teilte wohl seine Deutung des Schicksalsschlages, der die Familie heimgesucht hatte, doch darf man wohl annehmen, dass sie schwerer an dem Tod ihrer Kinder trug. Gustav von Bodelschwingh berichtete in dem Lebensbild seines Vaters, die Mutter habe viele Stunden weinend an den Gräbern der Kinder verbracht; noch ein Jahr später habe ihre Hand beim Schreiben gezittert; seit dieser Zeit seien ihr die Haare ausgefallen. Eine zusätzliche Last, aber auch ein Trost mag ihr gewesen sein, dass sie gleich wieder schwanger wurde und am 27. September 1869 den Sohn Wilhelm zur Welt brachte.

1873 zogen Friedrich und Ida von Bodelschwingh mit dem nun vierjährigen Wilhelm und dem knapp einjährigen Gustav in das Pfarrhaus am Jägerbrink in Bethel. Hier wurden 1874 die Tochter Frieda und 1877 schließlich der jüngste Sohn Friedrich geboren, der später das Lebenswerk des Vaters fortführen sollte. Ida von Bodelschwingh, die trotz des schwermütigen Zuges in ihrem Wesen einen ausgeprägten Sinn für das Praktische hatte, entlastete ihren Mann von den Zwängen und Pflichten des Alltags, wirkte unablässig auf ihn ein, mit seinen Kräften zu haushalten, hielt auch mit Kritik nicht hinter dem Berg. Sie wirtschaftete mit dem kärglichen Einkommen Bodelschwinghs, sie war der Mittelpunkt der Familie, in der der Vater aufgrund seiner häufigen Reisen kaum präsent war, und sie erhielt die Ordnung des Haushalts aufrecht, in dem es wie in einem Taubenschlag zugegangen sein muss. Sie brachte sich aber auch in die Arbeit der Betheler Anstalten ein, erledigte Post, warb Spenden ein, half bei der Organisation des wachsenden Werkes. 1885 musste sie allein die Stellung halten, als sich während eines Arbeitskampfes in Bielefeld der Zorn der Streikenden gegen Bethel richtete. Das alles ging letztlich über ihre Kräfte, sie verbrauchte sich vor der Zeit. Im Laufe des Jahres 1894 stellte sich das alte psychische Leiden wieder ein. Im November begab sie sich auf ärztlichen Rat in das Lindenhaus bei Lemgo, ein Heim für „Gemütskranke“, wo sie am 5. Dezember 1894 überraschend starb.

Der Brautwerbebrief

Im September 1860 hielt Friedrich von Bodelschwingh mit folgendem Schreiben bei seinem Onkel Carl um die Hand Idas an:

„Lieber Onkel! Nachdem ich soeben ausführlich mit meiner guten Mutter geredet und ihre fröhliche Einstimmung zu diesen Zeilen erhalten habe, wende ich mich getrost an Dich und an die liebe Tante mit einer recht großen Bitte, ich bitte Euch herzlich: gebet mir Eure Ida. – Ich weiß, teurer Onkel, dass ich ein Großes bitte und dass Euch die Gewährung meiner Bitte Kampf kosten wird, aber doch habe ich Freudigkeit, der liebe Gott werde Euch endlich auch ein fröhliches Ja ins Herz geben, weil ich mir bewusst bin, dass ich allein auf Ihn hin diese Bitte wage. Was ich meinerseits für eine so große Gabe zu bieten habe, ist sehr wenig und doch auch wiederum sehr viel. Ich kann Euch für Euer Kind nur eine sehr bescheidene, verborgene irdische Stellung versprechen; sie muss wirklich in Bezug auf die äußeren Lebensverhältnisse eine ziemliche Stufe abwärts steigen, wenn sie mir folgen will; mein gegenwärtiger Beruf und meine Vermögensverhältnisse gebieten mir, mich herunterzuhalten zu den Niedrigen.“

Ein Brief an die Braut

„Überhaupt, mein Idchen, wir wollen ja nicht unsere Vereinigung als ein – was soll ich sagen? – als einen Friedenshafen ansehen, als ein Ziel unserer Kreuzespilgerschaft, als ein erreichtes Paradies, dann würde ich mich freilich sehr fürchten, – sondern dazu wollen wir uns ja eben die Hand reichen, um miteinander nun uns erst recht unter das Kreuz unseres lieben Herrn zu beugen […].

Ida über den Alltag im Pfarrhaus

Aus einem Brief Ida von Bodelschwinghs vom Oktober 1885 geht hervor, wie weit die Familie Friedrich von Bodelschwinghs hinter dem Werk zurückstehen musste:

„Bei uns ists Sonntags meist so: zuerst Frühstück und Morgenandacht ohne den Papa – er kam den ganzen Sonnabend ja nicht zum Studieren; wenn keine Hauptpredigt, dann dringende Briefe zu erledigen – verspätetes eiligstes Mittagessen, wo man zu müde ist mit den Seinen zu sprechen – 10 Minuten Schlaf, im Trabe in die Brüderstunde! Im Stürmen 1 Schluck Kaffee – Schwesterntag, Conferenz, Besuche und dergleichen – Abendpredigt, dringende andere Sachen zu erledigen – Frau und Kinder sind und bleiben allein.“

Ida von Bodelschwingh mit ihrem ersten Kind Ernst, um 1864
Ida von Bodelschwingh mit ihrem ersten Kind Ernst, um 1864

Ida von Bodelschwingh 1869
Ida von Bodelschwingh 1869

Ida und Frieda von Bodelschwingh
Ida und Frieda von Bodelschwingh

Der Onkel Carl von Bodelschwingh
Der Onkel Carl von Bodelschwingh

Friedrich von Bodelschwingh in den Pariser Jahren
Friedrich von Bodelschwingh in den Pariser Jahren

Ida von Bodelschwingh
Ida von Bodelschwingh