Friedrich von Bodelschwingh III

„’Wir müssten heute tausend Bodelschwinghs haben!’ hat jüngst jemand geschrieben. Aber wir haben sie nicht und solche gottbegnadeten Sendboten der Barmherzigkeit sendet der Herr seiner Gemeinde nicht in Massen.“ So heißt es im „Boten von Bethel“ im Jahre 1948. Geschrieben hatte diese Zeilen ein weiterer Friedrich von Bodelschwingh – Enkel „Vater Bodelschwinghs“ und Neffe von „Pastor Fritz“, der 1946 als Nachfolger seines Onkels, der kinderlos gestorben war, zum Vorsteher der Teilanstalt Bethel berufen worden war. Ganz bewusst stellte er sich in eine Traditionslinie mit seinen berühmten Vorfahren: „Ja, es ist schon in Vater Bodelschwingh und seinen Söhnen unserer Anstalt ein besonderes Unterpfand der Treue Gottes geschenkt worden. Dankbar empfinden wir es täglich, dass wir in lebendiger Zwiesprache mit den Vätern unserer Anstalt leben und arbeiten dürfen.“

Friedrich von Bodelschwingh III wurde am 23. Mai 1902 als Sohn Wilhelm und Luises von Bodelschwingh in Bonn geboren. Er wuchs in Bethel auf und besuchte das Gymnasium in Gütersloh. Nach dem Abitur im Jahre 1922 studierte er an der Theologischen Schule Bethel und an den Universitäten Tübingen, Rostock, Zürich und Münster Theologie. Nach den theologischen Examina ging er 1927 an das Betheler Kandidatenkonvikt und leistete auch „Dienst in der blauen Schürze“ in den Betheler Anstalten. 1928 wechselte er an das Domkandidatenstift in Berlin. Von 1929 bis 1932 war er Pfarrer einer Bergarbeitergemeinde in Dortmund-Kirchlinde. Zu Beginn des Jahres 1933 kehrte er als Anstaltsgeistlicher nach Bethel zurück, wo er für den Freiwilligen Arbeitsdienst in der Hermannsheide zuständig war. Gleichzeitig leitete er das Kandidatenkonvikt in Bethel. 1934, noch in seiner Betheler Zeit, heiratete er die Schweizer Offizierstochter Jutta Wille.

1936 wurde Friedrich von Bodelschwingh III wieder Gemeindepfarrer, zunächst in Schlüsselburg bei Minden, 1942 dann in Gütersloh, ehe er zum Militärdienst eingezogen wurde. Nach der Kriegsgefangenschaft trat er 1946 an die Spitze der Kernanstalt Bethel, ab 1959 leitete er – als letzter aus der Dynastie – die gesamten v. Bodelschwinghschen Stiftungen. War der leitende Pfarrer bis dahin auch für die Verwaltungsaufgaben zuständig gewesen, so wurden diese nun einem Justitiar übertragen. Friedrich von Bodelschwingh III konnte sich auf die geistliche Leitung konzentrieren. Unter seiner Leitung erfolgte ein rasanter Ausbau der v. Bodelschwinghschen Stiftungen und ihr Einbau in den bundesdeutschen Sozialstaat. Friedrich von Bodelschwingh III gestaltete diesen Modernisierungsprozess aktiv mit, nicht ohne innere Vorbehalte, fühlte er doch die untergründige Spannung zwischen dem überkommenen diakonischen Selbstverständnis und den Prinzipien des sozialen Rechtsstaates. Maßgeblich förderte er den Ausbau der Epileptologie in Bethel, auch wenn er der fortschreitenden Medikalisierung der Epilepsiebehandlung mit einer gewissen Skepsis gegenüberstand. Bei der Gründung der Klinik Neu-Mara im Jahre 1962 schrieb er: „Wir wollen unter keinen Umständen das kostbare Gut der Ganzheit preisgeben, das uns überkommen ist. Uns schwebt darum als neue Klinik das Gegenteil dessen vor, was uns als durchrationalisierte ‚Gesundheitsfabrik’ jetzt vielerorts so erschreckend, besonders in neuester Zeit und in ahnungsloser Selbstüberheblichkeit entgegentritt.“

Über die Grenzen Bethels hinaus förderte Friedrich von Bodelschwingh – in der Nachfolge seines Großvaters und seines Onkels – von 1946 bis 1967 als Vorsitzender des Westfälischen Herbergsverbandes die Arbeit an arbeits- und wohnungslosen Wanderern. In den 1950er Jahren entwickelte er, nicht ohne inneres Unbehagen, ein neues Konzept der „Herberge zur Heimat“, das den geänderten gesellschaftlichen Verhältnissen Rechnung trug, und war auch an den Planungen zur Umstrukturierung des Westfälischen Herbergsverbandes – aus dem 1965 das „Perthes-Werk“ hervorging – maßgeblich beteiligt. Von 1967 bis 1976 hatte er den Vorsitz im Zentralvorstand deutscher Arbeiterkolonien inne. Friedrich von Bodelschwingh III starb am 5. Juni 1977 in Bethel.

„Eine herbe Lektion“

In einem Artikel mit dem Titel „Klare Antworten auf heimliche Fragen“ ging Friedrich von Bodelschwingh III im Jahre 1964 auf die Frage der „Euthanasie“ ein. Hitlers Begleitarzt Karl Brandt habe im Gespräch mit seinem Onkel vom „Nullpunkt“ des Menschlichen gesprochen, der erreicht sei, wenn eine Gemeinschaft zwischen dem Gesunden und dem Kranken nicht mehr möglich sei. „Pastor Fritz“ habe darauf geantwortet, dass Gemeinschaftsfähigkeit immer „zweiseitig bedingt“ sei. Friedrich von Bodelschwingh III verdeutlichte dies mit einer „herben Lektion“ aus seinem eigenen Leben:

„Als Kandidat ‚mit der blauen Schürze’ wurde ich nach Neuebenezer versetzt und betrat zum ersten Mal in meinem Leben um 6 Uhr morgens die Station 7. Der Stationsbruder Hollan […] schlug die Decke vom ersten Bett an der Tür zurück und sagte: ‚Sie können gleich damit anfangen, unsern Fritz zu baden!’ Was ich erblickte, hätte mich beinahe zur Tür hinausgejagt: ein gänzlich verblödeter junger Mann von 20 Jahren, ein wundgelegenes Bündel von Haut und Knochen, dessen Knie dauernd im Krampf bis an die Achselhöhlen hinaufgezogen waren […], ohne Fähigkeit, ein Wort zu sprechen, der gefüttert und von Kot gereinigt werden musste – er lag in einem Torfbett, das eigens für diese unsauberen Kranken erfunden wurde. Kurz, ich sah zum ersten Mal in meinem Leben diesen Nullpunkt menschlicher Existenz. Als ich dies entsetzliche Bündel nackt auf die Arme gelegt bekam, um es im Badezimmer zu baden, hätte ich es beinahe auf die Erde geworfen. Als nach einer Viertelstunde das Unwesen gewindelt und verbunden unter der Bettdecke lag, dachte ich: Hier bleibst du keinen Tag! Dann aber geschah es, dass dies schreckliche Bündel sich bewegte und einen Arm in die Höhe streckte. Erschrocken sah ich mich nach dem Bruder Hollan um: Was gibt es jetzt? Bruder Hollan hatte bis jetzt meinen Umgang mit dem Kränksten der Station, vielleicht von ganz Bethel, nur still beobachtet und nichts gesagt, weil er dachte, ich müsste am besten allein den Weg zu dem kranken Jungen finden. Aber jetzt musste er doch nachhelfen. Noch heute höre ich den Ton seiner Stimme, in dem sich Mitleid mit mir und Staunen über so viel Unverstand eines akademisch gebildeten Theologen verbanden: ‚Herr Kandidat, merken Sie es noch nicht, Fritz will Ihnen danken!’ Aber ich, ich hatte diesen Fritz gar nicht für einen Menschen gehalten. Wie muss der Kranke darunter gelitten haben, mir abspüren zu müssen, dass ich ihn überhaupt nicht als Mensch, sondern als einen ekligen Gegenstand betrachtete. Aber er ließ mich das nicht entgelten, sondern suchte mir meine Not dieser ersten Begegnung mit dieser seiner Menschenruine zu nehmen, indem er mir dankte. Er, der Kranke und Blöde, war gemeinschaftsfähig. Ich, der Gesunde, war es nicht, sondern musste es durch ihn werden.“

Friedrich von Bodelschwingh III als Kind
Friedrich von Bodelschwingh III als Kind

Friedrich von Bodelschwingh III mit Sareptadiakonissen
Friedrich von Bodelschwingh III mit Sareptadiakonissen

Friedrich von Bodelschwingh III
Friedrich von Bodelschwingh III